«Die Schweiz hatte es verschlafen» - Teil 2/3
In diesem fortsetzenden Gespräch erzählt Niklaus Wirth von den Hürden, die er bei der Einführung der Informatik in der Schweiz überwinden musste und weshalb der Stempel «USA» damals absolut notwendig war.
Videoreihe: Teil 2/3
Prof. em. Niklaus Wirth und Prof. em. Friedemann Mattern unterhalten sich in diesem anknüpfenden Dialog über die Projekte Wirths, mit welchen er die Etablierung der Informatik und deren Entwicklung in der Schweiz vorantrieb. Dabei wird deutlich, welche zentrale Rolle die USA damals spielte und inwiefern die Schweiz den Einstieg in die Informatik regelrecht verschlafen hatte.
Die Programmiersprache Pascal ist die bekannteste Leistung von Niklaus Wirth. Jedoch reichen seine Errungenschaft viel weiter, von der Nachfolge-Sprache Modula-2, über das Oberon-System bis zur Workstation «Lilith», um einige davon zu nennen.
Als Gründer des Departements und Studiengangs Informatik mussten Niklaus Wirth und seine Kollegen einige Hürden überwinden. Bereits Anfangs der 70er Jahre starteten sie einen Vorstoss, um Informatik als Studienrichtung einzuführen. Dieser scheiterte jedoch kläglich: nicht an der Schulleitung, sondern am Interesse der Industrie. Ein zweiter Versuch folgte, diesmal innerhalb der Abteilung Mathematik und Physik, doch auch dieser scheiterte. Diesmal verhinderten Kollegen die Etablierung des Studiengangs. Erst als schliesslich der Druck vom Bund kam, konnte die Informatik an der ETH Zürich in Bewegung gesetzt werden.
«Es kam eine Meldung von Bern an die ETH-Leitung: ‹Wir kriegen Delegationen aus der Schweizer Industrie und sie klagen über den Mangel an Informatikern. Was ist denn in der Schweiz los? Haben die geschlafen?› Das war schon etwas verletzend»Niklaus Wirth
Mittlerweile nimmt die Schweiz eine entscheidende Rolle in der Informatikwelt ein und leistet grundlegende Beiträge zum diesem wissenschaftlichen Gebiet. Vor vierzig Jahren sah dies anders aus: Während in den USA die ersten Workstations entwickelt wurden und Informatik als Studienrichtung bereits verbreitet war, hinkte die Schweiz weit hinterher. Innovationen, die nicht aus Amerika kamen, wurden regelrecht ignoriert. So auch Wirths Lilith, die erst Jahre später das Interesse der Industrie weckte. Niklaus Wirth erzählt in diesem fortsetzenden Gespräch von der Anfangszeit der Informatik und scheut nicht, Kritik zu äussern.
Durch seinen visionären Charakter schaffte es Niklaus Wirth, Innovationen der Informatik in die Schweiz zu bringen und diese hier zu etablieren. Seine Forschung ist zu einem wesentlichen Teil dafür verantwortlich, dass der Studiengang und das Department Informatik der ETH Zürich heute existieren.

Niklaus Wirth war von 1968 bis 1999 Professor an der ETH Zürich. Er war eine führende Kraft in der Etablierung des Departements und des Studiengangs Informatik. Sein Diplom als Elektroingenieur erwarb er an der ETH Zürich, gefolgt vom Master’s Degree von der Universität Laval in Kanada 1960. 1963 promovierte er an der University of California in Berkeley bei Harry Huskey über die Verallgemeinerung der Programmiersprache Algol 60. Nach Assistenzprofessuren an der Stanford University und der Universität Zürich kehrte er 1968 zunächst als Professor für Computerwissenschaften an die ETH zurück, wo er bis 1999 als Professor für Informatik lehrte und forschte. In den Jahren 1976 bis 1977 sowie 1984 bis 1985 erfolgten Studienaufenthalte im Palo Alto Research Center (PARC) von Xerox.
Während 31 Jahren entwickelte Niklaus Wirth an der ETH Zürich neue Programmiersprachen (Euler, PL360, Algol W, Pascal, Modula, Modula 2, Oberon, LoLa), baute die ersten Personal Computer (PC) der Schweiz, bildete eine erste Generation von Schweizer Informatiker:innen aus und schrieb mehrere weltweit übersetzte Standardwerke. Er erhielt zahlreiche Ehrungen, unter anderem im Jahr 1984 den renommierten ACM Turing Award als erster und bisher einziger deutschsprachiger Informatiker, sowie 1988 den IEEE Computer Pioneer Award.
Friedemann Mattern war ordentlicher Professor am Departement Informatik von 1999 bis 2020. Er leitete die Distributed Systems Group und etablierte Ubiquitous Computing als Forschungsgebiet an der ETH Zürich. Von 2010 bis 2013 war er Departementsvorsteher. Am Departement Informatik unterrichtete Mattern Kurse zu verteilten Systemen und Algorithmen, Netzwerken, Ubiquitous Computing und Smart Energy. Seine Vorlesung Informatik II für Elektroingenieur:innen war Teil der Initiative «Critical Thinking ETH», die den interdisziplinären Austausch, kritisches Denken und verantwortungsvolles Handeln fördert.
Friedemann Mattern ist Redaktionsmitglied mehrerer wissenschaftlicher Fachzeitschriften und hat über 180 Forschungsartikel veröffentlicht. Ausserdem ist er Mitglied mehrerer wissenschaftlicher Akademien wie der Deutschen Akademie der Naturforscher (Leopoldina) und von acatech, der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften.
Erwähnungen aus dem Video
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